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Barlach, Ernst
(1870-1938),,

Barlach, Ernst (1870-1938)

Der Müde

Tired

Lithografie aus "Bildermann" Schult 76, HDO 1604-3, verso Slevogt
Lithograph

(Nähere Erklärungen zu graphischen Techniken s. Leiste links)
(More explanations about graphic-techniques see left column))


Enstehungszeit / time of origin: 1916
Größe/size (in cm.) ca.:29,3x21,7
Preis/Price:
€  225,00

Best.Nr./Order#: 004616

Barlach, Ernst (Ernst Heinrich), dt. Bildhauer, Graphiker, Schriftsteller, *2.1.1870 Wedel/Holstein, †24.10.1938 Rostock (begr. in Ratzeburg). Kindheit in Schönberg (Meckl.) und zw. 1877-84 in Ratzeburg (Vater Landarzt, †1884). Von den drei Brüdern B.s wandern zwei nach den USA aus, einer geht als Heizungsingenieur nach Rußland. Stud.: 1888-91 Gewerbeschule Hamburg (bei R.Thiele und P.Woldemar); 1891-95 Akad. Dresden, ab 1892 Meisterschüler bei R.Diez (1893 kleine silberne Med.); 1895/96 Paris (u.a. Acad. Julian) und Friedrichroda, 1897 erneut Paris. Zusammenarbeit mit C.Garbers (1. Preis im Wettbewerb um die Ausgestaltung des Hamburger Rathausmarktes; den Auftrag erhält J.Schilling). 1898/99 Aufenthalt in Altona und Hamburg, 1899-1901 in Berlin (Bekanntschaft mit dem Verleger R.Piper und dem Publizisten K.Scheffler). 1901-04 in Wedel (Zusammenarbeit mit der Keramikwerkstatt Mutz in Altona; gefördert u.a. von J.Brinckmann und J.Meier-Graefe). 1904/05 Lehrer an der Keramik-FS Höhr-Grenzhausen. Ab 1905 erneut in Berlin. Vom 2.8.-27.9.1906 Reise nach Rußland und in die Ukraine. Währenddessen Geburt des Sohnes Nikolaus in Berlin (lebt in Ratzeburg). 1907/08 erste Ausst.-Erfolge als Mitgl. (später mehrfach Vorstands-Mitgl.) der Berliner Sezession; Förderung durch A.Gaul und den Kunsthändler und Verleger P.Cassirer. 1909 in Florenz, Villa-Romana-Stip.; Bekanntschaft mit Th.Däubler und A.Moeller van den Bruck. Davor und danach erste Reisen nach Güstrow zur dort wohnenden Mutter (†1920). Ab 1910 zunächst zweiter Wohnsitz, später ständig in Güstrow. 1912 Reise nach Holland, 1914 im Vorstand der Freien Sezession Berlin. 1915/16 Landsturm-Soldat in Sonderburg/Nordschleswig. 1917 erste Gesamt-Ausst. bei P.Cassirer in Berlin. 1919 ordentl. Mitgl. der Preuß. AK; Uraufführung der Dramen "Der tote Tag" (Leipzig) und "Der arme Vetter" (Hamburg), zu denen 1912 und 1919 lithogr. Zyklen erscheinen. Weitere 5 Dramen ("Die echten Sedemunds"; "Der Findling", mit 20 Hschn.; "Die Sündflut"; "Der blaue Boll"; "Die gute Zeit"), jeweils mit Bühnenentwürfen, gibt P.Cassirer 1920-29 heraus (1951 erscheint postum "Der Graf von Ratzeburg"). Von Okt. bis Dez. 1921 in Kiel. 1924 Kleistpreis. 1925 Reise durch Süddeutschland; 1927 nach Kissingen (Kur), nach Würzburg und Bamberg. 1930 Ausst. des Lebenswerkes in der Preuß. AK und Vertragsabschluß mit dem Kunsthändler A.Flechtheim (Berlin und Düsseldorf) über Bronzegüsse nach älteren und neueren Werkmodellen. 1931 bezieht der 61jährige B. das von A.Kegebein, Güstrow, erbaute Atelierhaus im Heidberg. 1933 werden B. und H.Wölfflin in die Friedensklasse des Ordens "Pour le mérite" gewählt. 1936 Beschlagnahme der Werke von B., von K.Kollwitz und Lehmbruck auf der Jubiläums-Ausst. der Preuß. AK. Den von P.Fechter eingeleiteten Band mit Zchngn B.s (Piper Verlag München) beschlagnahmt die Bayer. Polit. Polizei. Die Figur einer stehenden jungen Frau wird zum Symbol für die Schrecken des Schlimmen Jahres 1937. Von der Aktion "Entartete Kunst" ist kein anderer Bildhauer so sehr betroffen wie B. Das Güstrower und das Kieler Mal werden beseitigt, die AK Berlin legt ihm den Austritt nahe, ein Ausst.-Verbot wird verhängt. Dez. 1937 bis E. Febr. 1938 im Harz. Ab Sept. 1938 Aufenthalt in der Klinik St.Georg Rostock. – B. begann mit Zchngn im Stil der "Fliegenden Blätter" (1897-1908 Karikaturen für die "Jugend" und den "Simplicissimus") und mit Versuchen monumentaler Plastik. Von der Nähe der Hamburger und Dresdener Lehrmeister befreit er sich in den Pariser, Berliner und Wedeler Jahren. Um 1900 zeigen sich in Skizzen, Reliefs, freien Skulpturen und Friedhofsplastiken Einflüsse von Symbolismus und Jugendstil. In Rußland erfährt er "das Äußerste, das Innerste, Gebärden der Frömmigkeit und Ungebärde der Wut, ... höllisches Paradies und paradiesische Hölle" (Ein selbsterzähltes Leben). In Italien vermißt er den "Gemütston". Der Verleger R.Piper konfrontiert ihn 1911 mit dem Gedankengut des "Blauen Reiters". B. spricht Kandinskys Schrift "Das Geistige in der Kunst" nicht die Redlichkeit ab, es bleibt aber für ihn die Frage offen, wie sich "aus Punkten, Flecken, Linien und Tupfen ... tieferes seelisches Erschüttertwerden" ergeben soll. Die in Florenz beginnende Bekanntschaft mit Theodor Däubler, den er im Seespeck wie in mehreren plast. Schöpfungen porträtiert, hilft ihm, sich über seine Distanz zum Kubismus Picassos klarzuwerden (Diario Däubler, 1912/14). Das ab 1907 entstehende Drama "Der tote Tag" bezeugt freilich, daß B. als Alleingänger zu den wichtigsten Expressionisten gehört. Generationskonflikt, myth. Vaterschaft, diesseitshörige Mutterliebe und der sich ihr entziehende Sohn, sowie die Gegensätze zw. Geist und Leiblichkeit, Wort und Sichtbarkeit sind die beherrschenden Themen. B.s Bildsprache lebt aus dem Kontrast simultaner Schauplätze, aber das Figurenensemble seiner Skulpturen und Zchngn ist nicht deckungsgleich mit den Themen und Gesten seiner Bühnenfiguren. Der 1910-16 in Güstrow entstehende Zyklus von Holzplastiken zum Berserker-Motiv zählt mit der Sorgenden Frau zu seinen Hauptwerken. Es sind blockhaft-erdenschwere Figuren, die, außer sich vor Unruhe, mit ihren Ahnungen und Ängsten ringen. Nach P.Cassirers Freitod (1926) wendet sich B. wieder architekturgebundener Plastik zu. Bernhard und Marga Böhmer in Güstrow helfen ihm beim Abformen großer Modelle. Mit dem Gipsentwurf eines Beethoven-Denkmals für Berlin (1926, nicht ausgef.) liegt die erste Fassung des Frieses der Lauschenden vor (9 Figuren, 1930-35 zunächst für Tilla Durieux, ab 1934 für H.F. Reemtsma in Holz übertragen). Nach der Aufstellung des Geistkämpfers in Kiel (1928) und des Ehrenmals in Magdeburg (1929) spitzen sich polit. Angriffe gegen B.s Denkmäler für die Opfer des Krieges zu. Entwürfe für Malchin/Meckl. (1929) und Stralsund (1932) muß er zurückziehen. 1932 zeigt die Berliner Akad. drei Fassadenfiguren aus der Gemeinschaft der Heiligen, einem Auftragswerk des Mus.-Dir. C.G. Heise für die Lübecker Katharinenkirche. Der für 16 Figuren konzipierte Zyklus, gegen den sich laute Proteste erheben, bleibt unvollendet. Wie G.Minne, von dem er Anregungen empfangen hat, wird B. als ein Geistesverwandter mittelalterlicher Holzbildhauer bezeichnet. Er hat sich in späten Verteidigungsschriften gegen die Verfolgung durch den Nationalsozialismus auch selbst so gesehen. Seine tiefe religiöse Bindung erwächst aus einem Protestantismus gnostischer Prägung. B. sieht in den Elenden und Verworfenen "das Widrige, das Komische und ... das Göttliche zugleich" (Briefe, 1911). Am Ende seines Lebens ist B. selbst ein Ausgestoßener. Die expressive Gestaltungskraft eines der größten dt. Künstler ist mit der von Kubin, Lehmbruck, von Käthe Kollwitz, Nolde und Kokoschka vergleichbar. Erst zur Wirkung gelangt, als B. 40 Jahre alt war, seit 1933 unterdrückt, gehört das plast., zeichner. und dichter. Werk dieses Deuters und Warners in den 50er Jahren des 20.Jh. zu den ebenso entscheidenden wie verspäteten Entdeckungen vom Range Musils oder Kafkas.

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