Rudolf Schuster 1848-1902

Rudolf Schuster:
1. September 1848 Markneukirchen -
30. Juni 1902 Markneukirchen

Als Friedrich Preller der Jüngere, der Nachfolger Ludwig Richters an der Dresdner Akademie, einmal gefragt wurde, wen er für den größten Landschaftsmaler der Gegenwart halte, nannte er, der Schüler Heinrich Drebers, Rudolf Schuster an erster Stelle. Aus der vogtländischen Musikinstrumentenstadt Markneukirchen stammt der Maler, der in seinem Leben so gute Landschaftsmusik gemacht hat. Der, Vater Heinrich Anton Schuster war Saitenmacher und Instrumentenhändler, die Mutter Auguste Emilie geborene Schuster stammte ebenfalls ans einer Instrumentenhändlerfamilie. Heinrich Rudolph war das erste Kind der kinderreichen Ehe, deren äußere Verhältnisse schlicht bürgerliche waren. Da zwei jüngere Vettern mütterlicherseits, beide Schuster mit Familiennamen, Künstler geworden sind, scheint die künstlerischer Begabung von der Mutter zu stammen. Nach der Volksschule seiner Heimatstadt besuchte Rudolf Schuster einige Zeit die Realschule im benachbarten Plauen. Zu Hause zeichnete er schon fleißig Familienbildnisse und Landschaften. Am 2. November 1863 trat der Fünfzehnjährige in die Unterklasse der Dresdner Kunstakademie ein, wo er zusammen mit Ottokar Renger und Johannes Raphael Wehle studierte, um nur zwei bekannt gewordene Namen unter allen vierundzwanzig Schülern zu nennen. Nach Moritz Wiessner waren damals Lehrer der Unterklasse die Maler Bary, Schönherr und Wichmann, Lehrer der Mittelklasse die Maler Bähr, Gonne und Schurig, die Lehrer der Oberklasse die Professoren Hübner, Schnorr, von Carolsfeld, Peschel und Ehrhardt. Der Krieg 1866 fesselte Schuster längere Zeit an seine Vaterstadt Markneukirchen. Die Matrikel bemerkt :"Wollte Sommer 1866 landschaftern, ist dann weggeblieben" Im freiwilligen Landschaftsunterricht bei Ludwig Richter allsonnabends mag sich dann Schuster bald für das Fach der Landschaft entschieden haben: Richter forderte Schuster öfters auf, ihn zu besuchen : "Nachmittags ging ich wieder einmal in die Wohnung des Herrn Professor Richter", schreibt Schuster am 14. März 1867 in sein Tagebuch, "um ihm auf sein ausdrückliches Verlangen die Sachen, welche ich in der Akademie gezeichnet habe, ebenso auch die gemalten Köpfe zu zeigen; womit er sich ganz zufrieden zeigte und mir auch sagte, ich sollte nächsten Monat bei ihm malen, damit ich in der Natur besser nach der Natur malen könnte" (bei Eberhard Hempel, Das Böhmische Mittelgebirge in seiner Bedeutung für die Kunst von Ludwig Richter und Rudolf Schuster, in: Forschungen zur Geschichte Sachsens und Böhmens, herausgegeben von R. Kötzschke, Dresden 1937). Am 1 April 1867 trat Schuster (nach seinem Tagebuch) in Richters Landschaftsatelier ein, Körber und Schietzold waren seine Studiengenossen. (Die Akademiematrikel nennt den 9. November 1867 als den Tag des - wahrscheinlich amtlichen Eintritts.) Ein ausführliches Tagebuch hat sich im Besitz der Nachkommen erhalten (1943 bei der Nichte Frau Elisabeth Ahnert, einer Dresdner Künstlerin, die offenbar die Begabung geerbt hat). Das Tagebuch umfaßt die Zeit vom 1. Januar bis zum 13. September 1867. Lange Seiten füllt Schuster mit Nachschriften nach Vorträgen des Kunstgeschichtslehrers Professor Hermann Hettner, des geistvollen Gelehrten an der Kunstakademie. Treue Freundschaft hält er mit seinen Studiengenossen, vor allem mit Robert Erbe, dem (verwachsenen) Tiermaler (1844-1903), der Richters Klassenschüler im Landschaftszeichnen war. Vom 1. Mai an wohnte Schuster in der Mühle im Bühlauer Grunde, nahe bei Loschwitz, und landschafterte fleißig. Den alten ungläubigen Müllermeister namens Richter suchte der junge Christ, der oft am Gottesdienst teilnahm, zum Glauben an Gott zu bekehren. Ludwig Richter hatte seinem begabten Schüler als Brotarbeit Aufträge des Holzschneideprofessors Hugo Bürkner vermittelt, und so zeichnete Schuster fleißig photographierte Landschaften auf den Holzstock. Richter weilte damals auch in Loschwitz, und sein Schüler besuchte ihn bisweilen. Am 13. August 1867 trat Schuster eine Reise in die Fränkische Schweiz an. Bei Richter legte Schuster einen guten Grund, wie Richter später schreibt: "Sie haben glücklicherweise einen so guten Grund gelegt und wissen, was Sie wollen, daß Sie von divergierenden Meinungen und Richtungen nicht aus Ihrer Bahn gebracht werden (an Schuster am 1.6.1874)." Selbstverständlich brachte nun Schuster nach der schönen Sitte aller Richterschüler seine Sommerwochen draußen in der Landschaft zu, zuerst in der Mühle im Bühlauer Grunde und dann gleich im Böhmischen Mittelgebirge, diesem "Quellgebiet deutscher Kunst und Art" (Hempel), das Richter nicht müde wurde zu loben, andern zu empfehlen und - selbst zu besuchen. An ältere Richterschüler, vor allem an C. W. Müller, schloß sich der jüngere dabei gern an. Um 1870 lernte Schuster in Wehlen den bekannten Kinderzeichner Oscar Pletsch kennen, der dort von Berlin aus mit seiner Familie zur Sommerfrische weilte. (Bald darauf, 1872, übersiedelte Pletsch nach der Niederlößnitz.) Pletsch wurde Schusters Förderer und Wohltäter, er bestellte bei ihm fast alljährlich Zeichnungen für die Zeitschrift "Deutsche Jugend", die er künstlerisch leitete, und ließ ihn auch hier und da schöne Winkel abzeichnen, die Pletsch entdeckt hatte. Hin und wieder benutzte Pletsch in seinen Kinderidyllen ein Landschaftsmotiv Schusters. Dieser blieb seinem Wohltäter zeitlebens rührend dankbar. Schon im ersten Halbjahrsbande der "Deutschen Jugend", der 1873 herauskam, ist Schuster mit zwei Holzschnitten vertreten, dem Rathaus von Wernigerode und der Steinernen Renne im Harz. Bis zum vorletzten Halbjahrsbande, dem fünfundzwanzigsten, der 1885 erschien, hat Schuster fast regelmäßig mitgearbeitet. Alle diese 68 Zeichnungen in der "Deutschen Jugend", meist nur handgroß, bringen in feiner Art stimmungsvolle deutsche Landschaft mit Menschen und Tieren. Nicht jede dieser Brotarbeiten überzeugt, aber einige von ihnen sind meisterhaft in Aufbau, Beseelung und Stimmung. Ob er aber alles selbst erwandert und gesehen hat, was er in der "Deutschen Jugend" brachte? Zu einer Prachtausgabe von Wilhelm Müllers und Franz Schuberts Liederzyklus "Die schöne Müllerin" steuerte Schuster 15 Landschaftszeichnungen bei (die Menschen und Tiere sind von seinem Freunde, dem Maler Baumann); vgl. Rümann: Die illustrierten deutschen Bücher des 19. Jahrhunderts, Nr. 1413. Auch eine Prachtausgabe von Schillers Werken sollen Schuster und Baumann illustriert haben. Bis zum Sommersemester 1873, also volle sechs Jahre, blieb Schuster in Richters Landschaftsatelier, jedes Jahr von 1869 an öffentlich belobt mit der kleinen und großen Silbernen und der kleinen Goldenen Medaille. Der alte Meister stand damals schon mit geschwächter Augenkraft am Ende seiner Lehrtätigkeit. Aber er hat den Schüler noch die gute Zucht strengen Zeichnens gelehrt und ihn begeistert, das Dichterische der Landschaft zu sehen und sie verklärt darzustellen. Ein zartes Bleibildnis von Richters Kopf bewahrt der Nachlaß Schusters, ein fast gleiches, kräftigeres der Nachlaß seines jüngeren Studiengenossen Ottokar Renger. "Über Rudolf Schusters Beziehungen zu Ludwig Richter" erzählt der Vogtländische Anzeiger vom 20. 6. 1926. Jetzt aber, mit dem Munckeltschen Reisestipendium in der Tasche, von 1873 an auf drei Jahre je 360 Taler, zog es Schuster nach München, und in München geriet er unter den Einfluß der Landschaftsmaler Schleich und Lier. Eduard Schleich, der große Anreger, war eben der Cholera zum Opfer gefallen, aber alle Münchner Landschafter standen unter seinem Einfluß. Er hatte zuerst nur Licht und Farbe gemalt mit allem Zauber feinster Luftstimmungen, angeregt einst von den Meistern von Barbizon. Schuster bewahrte sich zeitlebens sein großes "Dresdner" Zeichnenkönnen, aber gemalt hat er seitdem "münchnerisch", also rein malerisch, mit feinsten Tonwerten. In Schusters Seele läßt eine Bemerkung Richters an seinen Schüler Körber (vom 18. Juli 1875) ein wenig blicken: "Schuster ist ein sonderbarer Kauz, der sich abschließt und einspinnt, aber nicht zu seinem Vorteil !" (Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins Heft 71, 73). Von jetzt ab beginnt sein Wanderleben", schreibt nach Schusters Tode sein Hausarzt Dr. Kotte (wiedergegeben von Berthold Götz im Vogtländischen Jahrbuch 1927), "durch ganz Deutschland, durch Tirol und Italien. In Deutschland finden wir ihn überall, wo die Natur ihre größte Pracht entfaltet, mit seiner Palette, im Harz, in der Eifel, im Riesengebirge, im Erzgebirge." Eberhard Hempel hat versucht, ein Itinerar Schusters aufzustellen (im Katalog der Sonderausstellung des Sächsischen Kunstvereins 1936). In Stuttgart gewann Schuster den älteren Maler Carl Ludwig zum Freunde, den Gestalter der erhabenen Alpenschönheit. Mit ihm, erzählte uns sein Freund Georg Estler, ging er in die Eifel, und von ihm lernte er wohl den satten, kräftigen, tiefen, ernsten Ton seiner Landschaftsgemälde. Ludwig war es auch, der 1880 die Anregung gab, daß man in Stuttgart Rudolf Schuster zu seinem Nachfolger ernannte und ihm die Professur für Landschaftsmalerei anbot. Schuster lehnte ab, wohl im Bedürfnis nach der Freiheit, die der ewig schweifende Landschafter brauchte. Zum ersten Mal scheint Schuster 1879 nach Italien gekommen zu sein. Von da an lockte es ihn immer wieder einmal nach dem Süden. Vor allem die Campagna mit dem Albanergebirge und Capri haben ihn angezogen. Aber nie vergaß er die Heimat, er war und blieb recht eigentlich ein deutscher Maler, der deutsches Norderlebnis und italienisches Südglück innig miteinander verwob. Ernstes Gebirge, wie das Riesengebirge, die Eifel, das Erzgebirge, die Rhön und natürlich die Alpen, liebte er über alles. Seine Bilder aus dem Riesengebirge 1882-1885 sind nach Thieme-Becker der Höhepunkt seiner Landschaftskunst. Mit großer Eindringlichkeit stellt Schuster stets das Gewachsene der Felsen dar, und gern gibt er gewaltige Weite, großen Raum, weite Fernsicht im Gebirge. Unvergeßlich ist sein Bild "Blick vom Monte Santo auf die Julischen Alpen": ein Einsiedler zeigt einem jungen Ehepaare von seiner Klause aus, die links auf hohem Felsen steht, die ganze weite Herrlichkeit der Alpenwelt, die sich rechts in strahlender Sonne, von tiefen Schatten gegliedert, unendlich erstreckt. Die wirklichen Kenner haben Schuster schon zu Lebzeiten hochgeschätzt,. so Hans Thoma, der einige Bilder erwarb. Sogar Höchstpreise für damalige Zeit, bis zu 4000 Mark, erzielte der Künstler. Eine besondere Schätzung besaßen allezeit Schusters wundervolle Zeichnungen. Zeichnen heißt Zeichen setzen, die unendliche Fläche wiedergeben in Zeichen, und aus diesen Zeichen ersieht man des Zeichners Herz und Kraft und Art. Schusters Zeichen ist der kräftige gerade oder leicht gekrümmte Strich, der die Fläche mit scharfen, klaren Hieben füllt. Die Gefahr b-steht, daß der Künstler, im Besitz seiner eigenerworbenen Zeichen, zu schnell diese eingeübten Zeichen setzt, anstatt immer wieder aus der Natur heraus neue Arten von Zeichen unbewußt zu finden. "Die unbedingte Hingabe an die Natur" war Schuster, wie er schreibt, die Quelle seiner Kunst, aus dieser Hingabe heraus "kann der Künstler ja nicht anders, als schlicht und naiv zu schaffen". Schusters Zeichenkunst gehört zum Besten, was die Richterschule überhaupt hervorgebracht hat. In den mittleren Jahrzehnten baut er seine Landschaft mit kräftigen strengen Strichen scharf und klar auf, im letzten Jahrzehnt wird er malerischer, weicher, duftiger, lichterfüllter. Wie alle fleißigen Leute, die sachlich bleiben, wächst er mit den Jahren, geht nie zurück, ergreift uns immer durch Willenskraft und Redlichkeit. Schuster war eine hohe Doppelbegabung: ein meisterhafter Zeichner, der, wenn er zeichnete, nur zeichnerisch dachte, und ein bedeutender Maler, der, wenn er malte, nur malerisch empfand. Der Künstler hatte sich 1886 mit einer jungen Witwe aus Bad Elster, Bertha geb. Spranger, verheiratet und lebte mit ihr in kinderloser Ehe. Zu dem Sohn aus ihrer ersten Ehe stand der Künstler stets in einem herzlichen Verhältnis. Als Winterwohnsitz erkor er sich einige Jahre Berlin (1886-1888), einige Jahre Dresden (1890-1894), dann je drei Jahre Weimar und Meran. Zwei alte Maler, die ihn noch kannten, schilderten ihn uns so: "Er war ein sehr feiner Mensch, war fleißig und tüchtig, schlicht, großdenkend, vielleicht etwas zu zurückhaltend oft, da er an den Augen litt und an Kopfschmerzen, ein wenig Sonderling vielleicht, er konnte aber bisweilen auch sehr humorvoll sein." Der Münzgraveur Max Barduleck schreibt über ihn handschriftlich: "Ein überaus bescheidener Künstler, dessen künstlerische Qualität aber andere haushoch überragte, und doch hat man es nicht für wert gehalten, daß die Galerien sich ein Bild von ihm gesichert hätten. Bis jetzt reden im Kupferstichkabinett nur seine großen prachtvollen Skizzenblätter sein Lob. Es wird aber auch seine Zeit kommen, wo man ihn wieder entdeckt. In den bescheidensten Verhältnissen aufgewachsen, hat er bis zu seinem frühen Tode diese Bescheidenheit bewahrt, und gesellig im Freundeskreise war er überall ein gern gesehener Kollege und Kamerad." Ein tiefes Gemüt und eine aufrichtige Frömmigkeit zeichneten ihn aus. In den letzten Jahren seines Lebens hatte Schuster allerlei zu leiden. Eine Augenkrankheit führte zur Erblindung des einen Auges, ein Gehirnleiden entwickelte sich langsam. Im Jahre 1900 ereilte ihn in Schenna (Scenna) bei Meran ein Schlaganfall, der ihm den rechten Arm und das rechte Bein lähmte. Auf seinen Wunsch brachte man ihn zum alten guten Mütterchen in die Heimatstadt, an dem er mit großer Liebe hing. Zwei Jahre litt er noch. Kurz vor seinem Ende schrieb der Vierundfünfzigjährige mit zitternder Hand in sein Skizzenbuch: "Jetzt bin ich erlöst, erlöst." Zu Lebzeiten besaß Rudolf Schuster Anerkennung und Ruf. Der Sächsische Kunstverein kaufte seinen Wintermorgen im Riesengebirge von 1891 an (jetzt in Chemnitz) und ließ ihn von Ludwig Friedrich radieren. Nach des Künstlers Tode aber schwand die Erinnerung an Rudolf Schuster. Die Dresdner Gemäldegalerie versäumte es, sich ein Gemälde von ihm rechtzeitig zu sichern, während die Chemnitzer Kunsthütte neben einigen kleineren drei große Gemälde erwarb, darunter die traumhafte Mondnacht in der Eifel und den nüchtern-stimmungsvollen Wintertag an der Elbe von 1897, mit feinstem Grau und einem entzückenden Strohgelb. Um 1930 aber begann man ihn wieder zu entdecken. Als der Sächsische Kunstverein 1936 eine Sonderausstellung veranstaltete, mit einem bebilderten Katalog, dessen Vorwort Eberhard Hempel schrieb, waren alle Kenner beglückt. Wir wissen heute, welche Ehre der große Schüler seinem Meister gemacht hat, gerade dadurch, daß er sich selbständig entwickelt hat.

Komplette Seite mit allen Informationen laden
Load the full page with all information