Richard Müller

von Jacob B r e i t.

Hans Thoma - dem Altmeister deutschen Herzens und Gemütes - wurden einmal durch einen Kunstfreund Arbeiten Richard Müllers vorgelegt und er um sein Urteil gebeten. Es war der in der Zeit, als eben die junge deutsche Republik erstanden war - als sich deutsche Brüder in Straßenkämpfen gegenseitig töteten - als man in der Kunst alles Gute in Trümmer schlug und kleine Talente in dem Glauben waren, man könne den Pinsel und die Begabung mit dem Mundwerk vertauschen. Zu dieser Zeit also besah der Altmeister langsam und bedächtig ein jedes der Richard Müllerschen Blätter und sagte dann :" Ich habe nie in meinem langen Leben Talent und Hang zum Kritiker gehabt. lch konnte bei einem Kunstwerk nur sagen "es gefällt mir", dann war ich dem Schöpfer desselben dankbar oder aber "es geht mich nichts an " - ein Urteil begründen konnten ich nie. Die Werke Richard Müllers gefallen mir sehr - sie sind ein vollgültiges Zeugnis eines großen Könnens, eines deutschen Fleißes und einer deutschen Ordnungsliebe, die besonders in der heutigen Zeit wohltuend anmuten - Eigenschaften, die mir als müdem angetan erscheinen, nicht nur in der Kunst auf deutschen Aufstieg hoffen zu dürfen !

So grundverschieden nun zwei Talente - das eines Thoma und das eines Richard Müller bei oberflächlichem Betrachten erscheinen, so eng verbindet sich doch außer den Können - deutscher Geist! Der Wert der Thomaschen Bilder ist die nie ausbleibende Wirkung auf das Herz, welche Eigenschaften vor ihm nur die Werke Ludwig Richters haben. Es gibt nun aber noch eine andere deutsche Geistesart und das ist die des unumschränkten Könnens, wenn man sich einmal so scharf ausdrücken will. Die Hauptvertreter dieser Richtung sind: Dürer, Menzel, Leibl und neuerdings Richard Müller. Nicht, daß diese alle nun gar kein Gemüt besäßen - zu großem Können und zu Fleiß gesellt sieh ungemerkt auch Gemüt und Herz, wenn es auch in umschriebener Form zu Tage tritt. Das, was Thoma zu seinem Werturteil über Richard Müller und besonderem Betonen des großen Könnens verleitete, war die Erkenntnis dessen, daß bei ihm die Beherrschung der Form nicht in so selbstverständlichem Maße vorhanden sei. Das soll zunächst zum klareren Verständnis des Richard Müllerschen "Wollens" vorweg gesagt werden.

Nicht wohl denkbar sehr ein Deutscher, der noch nicht irgendwo ein Blatt mit einer Zeichnung, einer Bildwiedergabe nach einem Werke Richard Müllers begegnet sein sollte. Ihrer viele gehören bereits zu jenen dem Rang nach allerersten Dingen, die schon so sehr zum selbstverständlichen Besitz der Nation geworden sind, daß die naive Undankbarkeit der Besitzenden bei der Betrachtung des Erfreulichen gar nicht mehr fragt woher es kam. In tausend erlesenen Abzügen von der Radierplatte liegen die Arbeiten Müllers auf den Tischen und in den Mappen der Kenner; was wichtiger ist, auf hunderttausenden Zeitschriftenblättern treiben sie still durch das Volk und netzen Hirne uns Herzen, ohne daß die meisten erst lange fragen, wem sie da Dank schuldig wären. Mit der inneren Spannweite aller Dinge von großem, ersten Range schlägt die Kunst Richard Müllers den weiten Brückenbogen vom Empfinden des naives Betrachters zu den anspruchsvollen Bedürfnissen der geistig Verwöhnten; ihre beiden tragenden Grundpfeiler fußen hier in der unverbildeten Kraft, dort in der raffinierten Erlesenheit eines artistischen Könnens, das auf seinem eigensten Gebiete, auf dem der Radierung noch über Max Klinger hinausgeht. Ein verwegenes Wort, bei aller Besinnung gesagt!

Richard Müller ist am 28. Juli 1874 als Sohn echt deutscher christlicher Eltern im damaligen Österreich-Böhmen, der jetzigen Tschechoslowakei, in Tschirnitz im Egertal geboren, sein Vater Werkmeister in der dortigen Fabrik war. Schon früh begann er mit Kreide und Bleistift zu zeichnen. Ein nach Tschirnitz verschlagener Porzellanmaler aus der berühmten Porzellanmanufaktur aus Meissen an der Elbe wird zum Schicksal — er rät dem Vater, den Sohn auf die Zeichenschule nach Meissen zu schicken. Mit 14 1/2 Jahren, nahezu ohne einen Pfennig in der Tasche, ist der geweckte Junge Richard in einem wunderbaren neuen großkarierten Anzug, der ihm die Welt bezwingen soll, und mit der Hubertusmütze auf dem Kopf in Elb-Florenz. Es folgen bittere Jahre voller Enttäuschungen und Entbehrungen, in denen für einen Photographen Bilder um 3 Mark das Stück vergrößert werden, um etwas warmes in den Bauch zu kriegen. Der feste Glaube, daß auch das "Können" eines Tages Anerkennung finden müsse, es hilft über alles hinweg. Ein Besuch bei Max Klinger in Leipzig ist entscheidend für

Müllers inneren Aufstieg. Er bekommt von Klinger, der ihn für besonders talentvoll hält, Kupferplatten und Radierwerkzeuge geschenkt und wird von diesem im Handwerklichen unterrichtet. Es entstehen nun eine große Zahl von Radierungen und Stichen. Für die erste Radierfolge mit dem berühmten " Bogenschützen" erhält er den großen Rompreis - einige tausend Mark. 1898 malt er seine " Barmherzige Schwester", die sofort in den Besitz der Dresdner Galerie übergeht. Es folgen weitere Auszeichnungen durch Museumsankäufe der Galerien zu Prag, Königsberg, Berlin und öffentlichen Sammlungen Amerikas, welche zu jener Zeit viel für deutsche Kunst übrig hatten, indem sie Werke von Zügel, Uhde, Lenbach, und Stuck erwarben. Der größte Erfolg war der, daß sich ein feiner Kunstkenner Richard Müllers ganz annahm und jedes Werk von ihm in einer Zeitspanne von etwa zehn Jahren kaufte.

Es war der Kommerzienrat Ernst Seeger, der Impresario Wilhelm Leibls, dessen Name heute nicht mehr allzu oft genannt wird. Richard Müller ist plötzlich aller Sorgen gänzlich enthoben, noch zumal ihm die Dresdner Akademie eine Professur anträgt, die er annimmt. Dann heiratet er die weltberühmte amerikanische Konzertsängerin Lillian Sanderson und kauft für sich das schöne Haus in Oberloschwitz, das er heute noch bewohnt, in welchem Ludwig Richter einst jedes Jahr den Sommer verbrachte. Dann nimmt er seine armen Eltern zu sich und behütet sie in ihrem Alter vor allen geldlichen Sorgen, wie ein vorbildlicher Sohn, der das Trübsal der Armut kennengelernt hat. Das ist das sich kurz hintereinander Abwickelnde aus dem Leben selbst.

Nun folgt die künstlerische rastlose Weiterentwicklung - es braucht nicht mehr mit Modellgeldern gespart zu werden. Es entstehen religiöse, feingeistige Gemälde -"Der tote Christus "- "Der heilige Sebastian"- "Die Kreuzigung" als Hauptbild jener Periode, das voll von einzelnen Erzählungen ist. So sehen wir darauf die Kreuzschnäbel, die sich ihre Schnäbel verbiegen, da sie versuchen, dem Heiland die Nägel zu lösen - am Fuße, weiße Lilien die zum ersten Male durch heiliges Blut gerötet werden und Petrus, der knieend durch die Gotteshand das Modell zur Peterskirche erhält. Ich habe außer bei Matthias Grünewald auf keiner Kreuzes-Darstellung einen schmerzerfüllteren Gesichtsausdruck eines Menschen gesehen, der der Menschheit sein Letztes gegeben hat. Ja, der Schöpfer dieses Leidensbildes - das ist auch so einer, wie ihn der Klosterbruder des seligen Wackenroder in Meister Dürer pries, einer von denen, um derentwillen es einem lieb ist, ein Deutscher zu sein!

Seinem Hange zur Tierschilderung folgend, zeichnet er dann viele Blätter mit Tieren in allerhand bizarren Verbindungen mit Menschen. Es entstehen jene unerreicht schönen Blätter : " Das Alpdrücken" - ein Schläfer im Bett, dem ein gewaltiger Käfer über die Brust läuft, "Der Kampf um die Beute" , auf dem sich zwei Männer mit Pferdekiefern um die geraubten Hühner schlagen, "Auf der Schaukel", auf welcher eine berückende Schöne einen Kragenbär an sich zieht - und solche Arbeiten, die sich oftmals in ganz phantastisch-skurrilem Stile ausleben, wie "Das junge Genie", mit dem tiefen Sinn dieses Blattes hat der Meister seine eigen Laufbahn als Künstler geschildert : Dem jungen Adler, der zum Höchsten bestimmt ist, welcher die Stufen der Leiter im Flugs erstürmen könnte, beschneidet das Alter unbarmherzig die Flügel und bricht aus der Leiter für alle weiteren Fälle noch Sprossen. In solchen grandiosen Blättern, die im Gesamtwerk Richard Müllers sehr zahlreich sind, ist die Brücke zum Höchsten, das die Welt besitzt - zu einem " Ritter, Tod und Teufel" Dürers geschlagen und der Weg gewiesen, auf welche Art auch heute noch derartige Leistungen zu vollbringen sind.

Als Gelegenheitsarbeiten sind zahlreiche Bilder und Naturskizzen in Stift und Farbe aus der böhmischen Heimat anzusehen - das Franziskanerkloster in Kaaden, die Ruinen Sohönburg, Leskau, Kamaik, Hasenburg usw., nur um einiges davon zu erwähnen, denn der Meister betont immer, wenn ihn ein Kritiker nach seinem Leben und dessen Geschehnissen befragt, die starke Liebe zu seiner schönen Heimat und deren ihm liebgewordenen Bewohnern, für die auch heute noch als reifer Mann sein Herz schlägt.