Das Werk von Richard Müller:

Franz Hermann Meissner, der Herausgeber des leider jetzt vergriffenen Werkes mit 175 Abbildungen meiner Arbeiten schreibt als Geleitwort am Juni 1921 :

Als ich vor mehr als 25 Jahren mein großes Max Klinger Werk bei Hanfstaengl in München herausgab, sah es in der Kunst bei uns ganz anders aus als heute. Die große Zeit der deutschen Kunst ging in diesem Riesen noch einmal glänzend auf, ohne daß wir den nahen Verfall ahnten. Damals lag die Schwarzkunst bei uns seit Jahrhunderten im Argen. Ihre paar Meister konnte man an den Fingern einer Hand herzählen: Koepping, Mannfeld, Halm, Stauffer-Bern, Ernst Moritz Geyger. Die Kunst des Sammelns blühte noch nicht. Spottpreise überall. Die Schwarzkunst nahm man nicht recht ernst. Ein offenbar sehr menschenfreundlicher Münchener Herr stellte zu jener Zeit auf die erst Kunde von seinem Plan meinen Verleger auf der Straße - schüttelte den Kopf, daß er sein schönes Geld an eine so verquere Sache wage und dazu noch mit mir, der, wie einige Klingeraufsätze in der Presse bewiesen, offenbar "spinne" - womit der Münchener bekanntlich eine gelinde Form von Verrückheit bezeichnet. Seitdem drehte sich die Erde merklich. Die Farbenkunst verfiel in Ausländerei. Klinger wuchs zum Kunstheros. Alle Talente drängten sich zur Schwarzkunst. Doch sonderbar genug, nur wenige fanden eine neue und eigene Note - fast keinem gelang es, über eine geistreiche Abwandlung von Klinger oder Rembrandt hinauszukommen. Einem aber doch, der in der Stille und fern von allem Kunstmarkttreiben zu Dresden saß und sich gelassen auswuchs , nämlich Richard Müller

Richard Müller ist Griffelkünstler von Geblüt.

Er denkt und sieht mit dem Stift in der Land. Er schaut die Natur mit einem ganz unheimlich scharfen und durchdringenden Augenpaar und stellt sie - ob Mensch oder Tier - mit einer unendlichen Andacht für das Aparte und nicht Alltägliche dar. Dazu hat die Antike seinen starken Natursinn geläutert. In aller Wahrheitsliebe dieses Dresdner Akademieprofessors ist der Hellenismus lebendig und aristophanisch mutet auch der erhebliche literarische Zug vieler seiner Gebilde -sein Witz-sein Spott - seine beißende Satire und die manchmal freilich barocke muntere Laune an. Dazu gesellt sich eine geradezu erstaunliche Herrschaft über Stichel und Nadel und eine fast ideale Vollkommenheit der Mache, die nur mit der von Klinger verglichen werden kann. Im Handwerk der Schwarzkunst übertrifft er ihn sogar nicht selten.

Der Maler Müller ist ein Ding für sich.

Ein Meister von diesen Graden drückt allem seinen eigenen Stempel auf, was er anpackt. Seine prächtigen Bildnisse - die Tiere, und besonders die Mäusebilder - die Stilleben - große und kleine Farbengebilde der Bibelwelt und der des Olymps bilden eine ganze Galerie. Es ist da erstaunlich, mit welcher Tiefe er sich in solche Gegensätze wie das Schwesterbild in der Dresdner Galerie - die Mäuse im Maissack - David und Goliath - und in ihre Anschauungskreise hineingefühlt hat. Der Griffelmann überragt aber den Farbenmann doch so sieghaft, daß man an ihn immer zuerst denkt, wenn man von ihm spricht. Richard Müller steht auf der Höhe. Mann und Kunst sind reif wie ein köstlicher Apfelbaum im Herbst. Mitten im Verfall und unter Wurmstichigkeit ringsum steht er, als Sinnbild starker und prangender Gesundheit aller Glieder und Lust. An das Nachdenken pocht er, wie unsere längst sieche Kunst wieder gesunden kann. -Das sei das Geleitwort in die Welt für das Richard Müller Werk !